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Nervenkitzel: Wie erzeuge ich Spannung im Roman?

Spannung im Roman

Spannung ist der Motor einer Geschichte: Sie treibt die Geschichte an und sie lässt den Leser weiterblättern, immer weiter, bis er sich morgens mit rotgeränderten Augen zur Arbeit schleppt. So sadistisch das klingt: Jeder Autor freut sich, wenn ihm genau das gelingt. Und dafür gibt es Kniffe: inhaltlich, strukturell, sprachlich. Hier sind die wichtigsten.

Inhaltliche Methoden

Zunächst einmal die selbstverständlichen Anforderungen an das Erzeugen von Spannung, bevor es an die Details und die Kniffe geht:

Die Story

Natürlich muss zunächst einmal der Inhalt selbst spannend sein. Sonst gäbe es keine Geschichte, die es wert wäre, geschrieben zu werden. Ein immer gleicher Trott, der sich von dem des Großteils der Bevölkerung nicht unterscheidet, ergibt keine spannende Geschichte. Es muss also etwas geschehen, das diesen Trott (sofern er die Ausgangssituation bildet) unterbricht. Dabei müssen die Ereignisse Konsequenzen nach sich ziehen, es muss etwas auf dem Spiel stehen. Das gilt für jedes Genre, nicht nur für die typischen Spannungsgenres wie Krimi und Thriller. Es muss nicht gleich das Leben des Protagonisten oder das von Tausenden gefährdet sein, damit eine Geschichte spannend ist. Das schafft ein Autor auch, wenn er zum Beispiel die Reputation seines Helden aufs Spiel setzt, seinen Ruf innerhalb einer Gemeinschaft, seinen Job, seine Beziehung zu einer geliebten Person oder zu seiner Familie, seine finanzielle Sicherheit, sein Hab und Gut, einen einzigen Gegenstand von hohem persönlichen Wert, das seelische Gleichgewicht oder was auch immer. Aus all diesen Möglichkeiten lässt sich Spannung aufbauen.

Beziehung zur Hauptfigur

Damit die Spannung sich voll entfalten kann, sollte der Leser zuvor eine Bindung zur Hauptfigur aufgebaut haben. Eine Zeitungsmeldung, dass ein Haus abgebrannt ist, lässt uns innehalten. Wir alle empfinden ein solches Unglück als schrecklich, keine Frage. Wenn nun aber das Haus von jemandem betroffen ist, den wir kennen, dann ist unsere Reaktion deutlich intensiver. Dann leiden wir regelrecht mit. So ist es auch in guten Büchern und Filmen.

Konflikte

Konflikte sind letztlich die Hauptzutat, aus der Spannung gekocht wird. Konflikte können von außen aufgezwungen sein (äußerer Konflikt) oder aus der eigenen Einstellung heraus oder aus einem Lernprozess des Protagonisten resultieren (innerer Konflikt). Wenn der Held sich entscheiden muss, ob er die tickende Zeitbombe entschärft, die sonst Hunderten Menschen das Leben kosten würde, oder ob er seine Frau aus der Geiselhaft befreit, bevor sie getötet wird, ist das ein starker Konflikt. Wenn ein Paar darüber streitet, ob es am Abend auf die Party gehen soll oder ob die Mutter/Schwiegermutter über das Wochenende zu Besuch kommt, ist das sicherlich ein schwächerer Konflikt. Aber auch solche Konflikte treiben eine Geschichte voran und dienen der Charakterisierung der Figuren. Grundsätzlich sollte jede Szene einen Konflikt beinhalten. Ansonsten ist sie entbehrlich.

Inhaltliche Kniffe

Neben den wesentlichen Grundvoraussetzungen gibt es weitere Methoden zur Spannungserzeugung, die ein Autor einsetzen kann. Ein wunderbares Mittel, Spannung zu erzeugen oder zu steigern, ist es beispielsweise, Informationen vorzuenthalten:

  1. Sowohl dem Leser als auch dem Helden:
    Beispiel: Der Held wird angegriffen, der Angreifer trägt eine Maske. Während des gesamten Kampfes ist nicht klar, wer der Angreifer ist. Die Spannung entsteht durch die Kampfszene und weil für den Helden die physische Gesundheit auf dem Spiel steht, eventuell seine Freiheit (er könnte verschleppt/entführt werden) oder sogar sein Leben, und zusätzlich dadurch, dass der Leser sich fragt: Wer ist der Angreifer? Was will er? Warum greift er den Helden an? Falls es nur ein Handlanger ist: Wer steckt dahinter? Was hat der Held getan, dass jemand meint, ihn angreifen/entführen/töten zu müssen?
  2. Nur dem Leser:
    Beispiel: Der Held unterhält sich mit seinem Chef und Letzterer ist sehr freundlich. Der Held wird daraufhin ganz unruhig, bekommt es augenscheinlich mit der Angst zu tun. Der Leser wundert sich nun: Warum reagiert der Held so komisch? Indem der Leser den Grund erfahren möchte, ist Spannung erzeugt worden. Was er nicht weiß (der Held aber sehr wohl): Wenn der Chef zu jemandem so nett wird, findet man am nächsten Tag dessen Leiche im Fluss.
  3. Nur dem Helden:
    Klassisches Beispiel aus dem Horrorgenre: Der Leser beziehungsweise Zuschauer weiß, dass auf dem Dachboden etwas Schreckliches lauert, doch die Heldin geht pfeifend die Treppe hinauf und rennt blind in ihr Schicksal. Der Leser verschlingt die nächsten Seiten fingernägelkauend: Wird die Heldin dem Grauen entkommen können?

Strukturelle Methoden

Der Aufbau eines Romans dient natürlich auch der Spannung. Idealerweise verfügt der Roman über einen Spannungsbogen, der über die Länge des Werkes ansteigt (wobei die Kurve nicht permanent ansteigen muss, es darf (und sollte!) auch zwischendurch abfallende Spannung geben, aber sie fällt nie so weit ab, wie sie zuvor angestiegen ist, sodass sich insgesamt eine Steigerung ergibt) und fällt mit der Auflösung am Ende plötzlich steil ab.

Durch die Anordnung der Szenen und durch den Wechsel von Action-Szenen und Szenen zum Durchatmen kann ein Autor prima Spannung erzeugen. Die Szenen zum Durchatmen sind nötig, denn pausenlose Spannung kann paradoxerweise zu Langeweile führen. Ein Vergleich zum Film: Eine viertelstündige Verfolgungsjagd wird langweilig, auch wenn es Action pur ist und vielleicht sogar halsbrecherische Manöver enthalten sind. Grund: Die Geschichte wird nicht weitererzählt, sie tritt auf der Stelle, auch wenn der Held vielleicht im Auto (oder auf dem Rennboot oder auf dem Motorrad) in rasender Geschwindigkeit unterwegs ist. Es sollte schon früh spannende Szenen / Action geben, aber zwischendurch muss das Tempo auch mal gedrosselt werden. Nur so können die rasanten Szenen ihre Wirkung richtig entfalten.

Spannung entsteht auch durch Wendepunkte an den dramaturgisch richtigen Stellen, durch überraschende Entwicklungen.

Sprachliche Methoden

Lange Sätze und kurze Sätze beeinflussen das Leseverhalten und vermitteln ein unterschiedliches Gefühl von Dringlichkeit, Rasanz, Action – und damit auch von Spannung. Kurze Sätze lassen sich besser überfliegen, während lange, verschachtelte Sätze den Leser zum aufmerksamen, langsamen Lesen zwingen. Beschreibungen haben daher öfter auch mal längere Sätze, während Actionszenen meist aus kurzen Sätzen bestehen. Das erzeugt ein Gefühl von Atemlosigkeit. Für mich persönlich sind dazu lange Sätze perfekt, die aus vielen sehr kurzen Einheiten bestehen, die also nicht verschachtelt sind, sondern immer neue, kurze Impulse geben. Beispiel: Er stieg aus dem Wagen, hastete den Hügel hinauf, sah die Rauchsäule am Horizont, lief zurück, fiel hin, rutschte den Hügel hinunter, rappelte sich wieder auf, warf sich auf den Fahrersitz und drehte mit der Rechten den Zündschlüssel, während er mit der Linken die Autotür zuzog.
Ein Punkt hat etwas von einem Abschluss, er ist ein Ruhepol, bei dem man beim Lesen kurz innehalten kann. Bei aneinanderhängenen Handlungen, die sehr rasant ablaufen, entwickeln viele kurze Handlungen innerhalb eines Satzes einen ganz eigenen Sog, finde ich. Einschübe, vor allem Relativsätze, hätten aber schon wieder einen verlangsamenden Effekt.

Für Absätze gilt dasselbe wie auf der Satzebene: Kurze Passagen beschleunigen das Lesetempo (und damit das Gefühl des Lesers für das Tempo der Geschichte), lange Absätze nehmen Tempo heraus.

Die verschiedenen Darstellungsformen in Geschichten können auch die Spannung erhöhen. Dialoge lassen eine Geschichte in der Regel in Echtzeit ablaufen (Lesezeit entspricht der Zeit, die im Roman vergeht). Beschreibungen sind langsamer, hier ist die Lesezeit oft länger als die erlebte Zeit im Roman. Beschreibungen sind daher perfekt, um den Leser wieder zu Atem kommen zu lassen. Eine rasante Erzählung der wichtigsten Handlungselemente wiederum beschleunigt massiv, durch Verkürzung und Beschränkung auf die wesentlichsten Elemente kann der Autor hier wieder viel Tempo erzeugen – und damit auch Spannung.

Eine lebendige Sprache, die die Umgebung und das Geschehen erlebbar macht und den Leser in die Geschichte hineinzieht, sodass er sich nicht mehr auf der heimischen Couch, sondern in der Haut des Helden befindet, trägt ebenfalls zur Spannung bei. Dazu ist es wichtig, alle Sinne anzusprechen.

Mit welchen Tricks bringst du mehr Spannung in deine Geschichten? Hast du Ergänzungen zu den hier vorgestellten Methoden? Ich freue mich über Kommentare!


Bildnachweis: Kurt Paris / iStockphoto


  1. Julia Hoffmann #

    Gefällt mir der Beitrag. Sehr plausibel dargestellt, wie bestimmte Sachen auf den Leser wirken. Danke 🙂

    Liebe Grüße

    August 31, 2015
    • Freut mich sehr, dass dir der Artikel gefällt. Danke für den Kommentar, Julia!

      Liebe Grüße
      Kerstin

      September 1, 2015
  2. Frank Hucke #

    Hallo und guten Tag Frau Broemer

    Ich moechte einer Sache – nun ja, nicht widersprechen – und ja, ich weis, es ist nur ein Beispiel! – doch ich halte mich an Robert Mckee: Tell the truth! Und da hat er Recht. Man kann dem Leser/Zuschauer ALLES verkaufen – aber es muss glaubwuerdig sein. Dann laesst sich ein Krimi ebenso spannend verkaufen wie eine SciFi Story. Jurassic Park ist ein wunderbares Beispiel. Jeder weis, dass es keine Saurier mehr gibt. Das Gewinnen von Saurier-Genen aus Bernstein – also ehemaligem Harz – ist unmoeglich, da Harze aggressive Substanzen enthalten, die riesige Luecken in die Helix fressen. Und wieso glauben wie die Geschichte trotzdem? Weil sie glaubhaft erzaehlt wurde. Wann immer sich eine Frage wie z.B. die o.a. ergab, kam im Buch kurz drauf eine wissenschaftlich klingende Erklaerung, die uns zufrieden stellte. Lange Rede kurzer Sinn: Sie sagen, dass es irre spannend sei, wenn man weis auf dem Dachboden lauert etwas. Aber um wie viel spannender ist es, wenn wir uns als Autor fragen: Wuerde ich das wirklich tun? Natuerlich nicht! Wir haben ja nichts am Straeusschen und gehen in die Gefahr! Wir wuerden uns verstecken und hoffen, dass uns das auf dem Dachboden lauernde Grauen bloß in Ruhe laesst! Und wie spannend wird es dann, wenn dies gar nicht so einfach ist, weil das Grauen genau das macht, was die urspruengliche Aufgabe der Hauptfigur gewesen waere: es sieht mal nach der Hauptfigur, sucht nach ihr … der Fremden im Haus … 🙂 – nur so ein Gedanke und ein Rat fuer alle Schreibenden 🙂 Wuerde ich es wirklich tun?

    Liebe Gruesse aus Kalifornien

    Frank

    September 1, 2015
    • Ich sehe da gar keinen Widerspruch. Spannung lässt sich mit vielfältigen Methoden erzeugen und einige habe ich im Artikel dargestellt. Dein Szenario ist aber eine wunderbare Ergänzung und ja, die Glaubwürdigkeit, zumindest die innerhalb der Geschichte und innerhalb ihrer Regeln und Grenzen, ist immer elementar, damit eine Geschichte überhaupt funktioniert – ganz unabhängig von der Spannung. Ein guter und wichtiger Hinweis!
      Danke und liebe Grüße
      Kerstin

      September 15, 2015
  3. Dietmar #

    Danke für die Zusammenfassung der wesentlichen Punkte. Im Grunde genommen eh logisch. Oft übersieht man aber selbst beim x-ten
    mal durchlesen solche einfachen Grundsätze. Da hilft es, ab und zu wieder darüber zu lesen. Wie in deinem Artikel. Danke.

    September 1, 2015
    • Ich denke, das geht uns allen so: Manche Dinge muss man sich hin und wieder noch einmal bewusst in Erinnerung rufen. Wenn man gedanklich über Monate hinweg in einer Story gefangen ist, ist das sonst wie mit dem Wald und den Bäumen. Davon kann sich wohl niemand freisprechen.
      Danke schön fürs Feedback!
      Kerstin

      September 15, 2015
  4. Justin #

    vielen Dank 🙂

    August 19, 2016
  5. Hi,

    sehr gute Zusammenfassung. Manche Sachen sind klappt, müssen einem nur stetig bewusst sein. Ich liebe die Millenium-Trilogie und arbeite selber gerne mit verschiedenen Handlungssträngen und Cliffhangern. Bei Larsson erging es mir oft so, er erzählt Handlungsstrang A, Cliffhanger. Man denkt, Mist, liest Handlungsstrang B und nach zwei Sätzen erinnert man sich, dass der auch einen Cliffhanger hatte und man diese Geschichte genauso weiterlesen will. Bei meinem Rich geht das nicht (Ich-Erzählung), aber inzwischen hab ich damit auch schon gearbeitet – und es macht Spaß.

    April 5, 2017
  6. Elli #

    Hallo,

    Dieser Beitrag ist der beste, den ich bisher gelesen habe.
    Gut verständlich und nachvollziehbar, sowie gut strukturiert.
    Vielen Dank dafür!!

    Juni 14, 2017

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