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Publishing-Stammtisch: Die Beziehung zwischen Autor und Verlag unter der Lupe

Foto Publishing-Stammtisch

Zwischen Autoren und Verlagen scheint sich eine Kluft aufzutun, ausgelöst durch die Umbrüche im Buchmarkt. Die neuen, direkten Veröffentlichungsmöglichkeiten auf Plattformen wie Amazon und XinXii mit wesentlich höheren Tantiemen stärken die Position der Autoren. Die meisten von ihnen sind gut informiert und fragen nun klar nach dem Nutzen, den Verlage ihnen bieten. Und die wiederum befinden sich erstmals in der Situation, ihr Geschäftsmodell erklären und verteidigen zu müssen. Das wurde auf dem 5. Publishing-Stammtisch „Pub ’n‘ Pub Frankfurt“ deutlich.

Full House

Rund 60 Buchmenschen trafen sich am 30. Juli in Frankfurt/Main. Darunter Autoren mit Verlagsveröffentlichungen, Indie-Autoren, Verlagslektoren, freie Lektoren, Mitarbeiter des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, von Literaturagenturen, von Fernsehstationen (WDR und ZDF) – kurz: Es war ein bunt gemischtes und illustres Volk. Der Zulauf war so groß, dass der eigens reservierte Raum nicht ausreichte, und zahlreiche Teilnehmer sich rund um den offenen Zugang drängten (siehe Fotos; Fotograf: Hartmut Ehreke). Die Schriftstellerin und Publizistin Dr. Cora Stephan und Juliane Beckmann (Lektorin bei S. Fischer, zuvor freie Lektorin) gaben zunächst ihre jeweilige Sicht zur Autor-Verlag-Beziehung wieder und eröffneten damit die Diskussion, an der alle Anwesenden teilnehmen konnten.

Gemeinsame Ziele

Natürlich gibt es gemeinsame Ziele, wenn sich so viele buchverrückte Menschen treffen. Alle wünschen sich einen florierenden Buchmarkt und tolle Bücher, die anregen, lehren, unterhalten, berühren. Trotz der nachfolgend beschriebenen Diskrepanzen darf man nicht vergessen, dass es im Grunde allen um gute Literatur und deren Erfolg geht.

Die Autor-Verlag-Beziehung

Foto Publishing-StammtischDr. Cora Stephan hat einige Sachbücher und unter dem Pseudonym Anne Chaplet diverse Krimis veröffentlicht. Ihre Erfahrungen mit den Verlagen waren gemischt. Häufig hätte sie sich mehr Unterstützung erhofft. Sie stellte letztlich die Frage: „Warum wollen alle unbedingt im Verlag veröffentlichen?“ Selbst veröffentlichen sei eine tolle Option, so Stephan. Man könne alles selbst machen oder sich die passenden Dienstleistungen einkaufen, könne sich dabei die Leute sogar selbst aussuchen und behalte die volle Kontrolle.

Autoren unter den Teilnehmern fragten ganz gezielt: Wozu sind Verlage überhaupt noch da? E-Books, Print on Demand, Marketingmaßnahmen im Internet mittels sozialer Netzwerke etc.: All das könne jeder leisten und es beinhalte weit weniger Aufwand als einem früher von den Verlagen weisgemacht wurde. Was leiste also der Verlag überhaupt? Externe Lektoren könne man auch selbst buchen (Beckmann: „Ja, dann müssen Sie ihn aber auch bezahlen.“), das Marketing bleibe sowieso oft an den Autoren selbst hängen und werde inzwischen vonseiten des Verlags auch vom Autor erwartet. Antwort Beckmann: „Der Verlag kümmert sich um das Lektorat und den ganzen Produktionsablauf.“ Auf Nachfrage bestätigte sie, was ein offenes Geheimnis ist: dass bei weitem nicht alle Autoren in den Genuss einer Marketingkampagne seitens des Verlags kommen.

Die Probleme der Autoren

Die Autoren werfen den Verlagen mangelnde Transparenz vor. Niemand sage einem, welchen Publikationsplatz man habe. Nur die Top-Titel bekommen hohe Aufmerksamkeit, bekommen Unterstützung im Marketing, aber kein Verlag sage einem Autor: „Du gehörst nicht dazu.“ Es gebe tolle Versprechungen, aber der Verlag tue nicht viel für den Erfolg des Buches. Insgesamt stelle sich bei 700 Neuerscheinungen pro Jahr in einem Verlag die Frage, welchen Stellenwert die einzelnen Autoren überhaupt noch hätten. Der Frust ist hier bei den Autoren hoch.

Auch mit der Art, in der viele Verlage angebotene Manuskripte ablehnen, sind viele Autoren unzufrieden. Verlage sähen sich nach wie vor als Gatekeeper, als Torwächter zum Buchmarkt, die nur gute Qualität passieren ließen. Dabei seien schon viele gute Manuskripte zunächst abgelehnt worden (bestes Beispiel: Harry Potter), während auf der anderen Seite viel Mist veröffentlicht würde.

Beckmann betonte, dass man sich bei S. Fischer ausreichend Zeit pro Buch nähme und eine hohe Qualität angestrebt werde. Die Lektoren im Haus würden selbstverständlich am Text arbeiten und feilen und hätten durch großzügige Publikationsabläufe auch ausreichend Zeit dazu. Das sei ein Luxus, den sich der Verlag gönne. Dem standen Erfahrungen aus dem Teilnehmerkreis mit anderen Verlagen entgegen: Viele Verlagshäuser haben das Lektorat im Haus ausgedünnt oder ganz ausgegliedert und arbeiten mit freien Lektoren zusammen. Die verstehen zwar auch ihr Handwerk, bekommen aber zu wenig Zeit pro Buch und arbeiten unter zu hohem Zeitdruck.

Die Lektorin eines Sachbuchverlags erzählte aus ihrem Arbeitsalltag: „Wenn ein Sachbuchautor ein Buch vorschlägt, das super ist, ein tolles Thema hat, wenn er aber auch weiß, dass es nur eine ganz genau umrissene Zielgruppe anspricht, die er allesamt in seinen Seminaren erreicht, dann sage ich diesem Autor: ‚Tut mir leid, aber dann weiß ich nicht, was wir da noch für Sie tun können, bringen Sie es am besten selbst heraus, da haben Sie mehr von‘.“ Das wurde von allen Teilnehmern sehr positiv aufgenommen und als fair erachtet. Wenn es sich andererseits um ein Thema handele, das die breite Masse anspreche und das durch die Platzierung im Buchhandel mehr potenzielle Leser finde, so die Lektorin, dann könne der Verlag durchaus helfen, allein schon durch den Zugang in die Buchhandlungen.

Die Probleme der Verlage

Die Publikationszyklen werden immer kürzer. Früher brachten Verlage meist zwei Programme im Jahr heraus. Heute sind es oft vier. Dabei steigt die Zahl der Neuerscheinungen pro Jahr, während der Umsatz pro Buch sinkt. Die Lektorin eines großen Sachbuchverlags sagte dazu: „Früher hat man im Schnitt 10.000 Exemplare von einem Buch verkauft, jetzt ist man froh, wenn es 4.000 sind.“ Auf die Frage, ob man denn nicht den Zusammenhang sehe, dass bei immer mehr publizierten Büchern der Verkauf pro Buch zurückgehe, antwortete sie: „Ja, aber man hofft immer, dass es einen selbst nicht trifft. Man will mit den zusätzlichen Büchern Marktanteile der Konkurrenten abgreifen, aber nicht den durchschnittlichen Verkauf der eigenen Werke reduzieren. Aber das funktioniert so nicht immer. Es muss sich daher sicherlich in naher Zukunft etwas ändern. Immer mehr und mehr Bücher auf den Markt zu werfen, ist der falsche Weg.“

Ich habe es lange als Gerücht angesehen, dass Verlage so viele unverlangt eingesandte Manuskripte bekommen, die völlig am Verlagsprogramm vorbeigehen. Ich habe schlicht nicht glauben können, dass so viele Autoren so unprofessionell arbeiten. Aber genau das scheint der Fall zu sein, denn die Verlage bestätigten es auf dem Publishing-Stammtisch. Demnach ist es teilweise gruselig, was alles unverlangt eingesendet wird. Das landet sofort in der Tonne. Verlage haben (zu recht!) kein Verständnis dafür, wenn Autoren sich nicht einmal die minimale Mühe machen, zu recherchieren, wo ihr Buch hinpassen könnte. Herausragende Werke würden aber auch schon mal an einen anderen Verlag weitergereicht mit den Worten: „Hier, das finde ich toll, es passt bei uns nicht, aber ist das vielleicht was für euch?“

Neben neuen Büchern der Hausautoren und Lizenzen aus dem (meist englischsprachigen) Ausland nehmen die Verlage meist Empfehlungen von Literaturagenturen in ihr Programm auf. Die Literaturagenturen kennen den Markt und die Verlagslandschaft, sie wissen, welches Buch wohin passt und haben bereits auf Qualität geprüft. Die Verlage arbeiten sehr gern mit den Agenturen zusammen. Unverlangt eingesandte Manuskripte haben nur eine sehr geringe Chance. Eine Verlagslektorin berichtete, in ihrem Verlag läge die Quote für eine Veröffentlichung von solchen Manuskripten bei etwa 0,5 Prozent.

Auf die Frage, warum die E-Books aus den Verlagen so teuer seien, antwortete Beckmann, dass mit der Aufnahme von E-Books ins Verlagsprogramm hohe Investitionskosten für neue Software und die Umstellung der gesamten Infrastruktur einhergingen.

Für Verlagsautoren scheint die schlimmste Zeit im Publikationszyklus die kurz vor Erscheinen des Buches zu sein. Wenn alles fertig ist, die Korrekturfahnen abgesegnet sind, es aber noch sechs Wochen dauert, bis das Buch erscheint, dann müsse man oft Händchen halten, so zwei Mitarbeiterinnen eines Sachbuchverlags in kleiner Diskussionsrunde. Der Autor könne in dieser Phase nichts mehr machen, keine Änderungen vornehmen. Manche riefen dann mehrfach pro Tag nahezu aufgelöst im Verlag an und fragten, ob alles in Ordnung sei.

Was ich aus der Diskussion mitnehme

  • Autoren, die ernsthaft eine Karriere mit dem Schreiben verfolgen wollen, müssen sich professionalisieren, sich informieren, professionell handeln.
  • Es gibt nicht den einen richtigen Weg zur Veröffentlichung. Je nach Buch (Sachbuch, Belletristik, Genre) und Zielgruppe kann der eine oder ein anderer Veröffentlichungsweg sinnvoll sein.
  • Verträge mit Verlagen sollten genau geprüft werden.
  • Autoren sollten nicht auf mündliche Zusagen (beispielsweise bezüglich Unterstützung im Marketing) vertrauen, sondern die genauen Maßnahmen im Vertrag festhalten lassen.

Ich freue mich über Kommentare!


Weitere Infos und Ankündigungen der nächsten Termine:
http://pubnpub.de/


Fotos: Hartmut Ehreke


  1. Ein toller Blog mit klasse Informationen! Was die Autorenkarriere betrifft, so bestätigt dieser Eintrag meine eigenen Überlegungen bzw. Befürchtungen. Jetzt nochmal „umzusattlen“ in der vagen Hoffnung, irgendwo mal aufzutauchen und vielleicht sogar auf Bezahlung zu hoffen, dazu fehlt mir vermutlich der Biß und auch das Selbstvertrauen. Ist schon in Sachen Musik sehr, sehr ernüchternd. Und ich selbst hab ein Problem damit, mich selbst anpreisen zu müssen. Also insofern: Danke für die Warnung, die mich vor der nächsten großen Ernüchterung bewahrt! 😉

    August 13, 2012
    • Hallo Werner,

      zunächst einmal danke für das Lob, das mich sehr freut! 🙂

      Entmutigen oder abschrecken möchte ich mit diesem Blog niemanden, ganz im Gegenteil. Ich finde es aber wichtig, die Fakten zu kennen, zu wissen, wie die Branche tickt und wie was funktioniert. Und sicherlich läuft nicht alles optimal – aber in welcher Branche oder in welchem Unternehmen ist das schon so? Verlage sind zunächst einmal Wirtschaftsunternehmen, die ein Produkt (Buch) auf den Markt bringen und daran Geld verdienen wollen. Soweit alles okay. Ob dann aber die Verlage den Verträgen angemessene Leistungen erbringen, wie die erzielten Erlöse verteilt werden und ob das alles immer gerecht ist, ist wieder eine andere Sache. Da ist aus Autorensicht sicherlich häufig noch Optimierungspotenzial. 😉

      Die gute Nachricht aber ist: Nie war es für Autoren einfacher als heute, Leser für die eigenen Werke zu finden. Autoren haben heutzutage viel mehr Möglichkeiten, zu veröffentlichen. Und sie können in direkten Austausch mit den Lesern treten, sie können selbst viel dazu beitragen, dass ihr Buch ein Erfolg wird. Es gibt keine Kommunikationsschranken mehr. Über Blogs, Facebook, Twitter, Google+ und Konsorten kann jeder mit jedem kommunizieren. Man ist nicht mehr darauf angewiesen, dass das Feuilleton das Buch bespricht, damit es bekannt wird. Wobei das auch immer schon nur ein kleiner Schubs in Richtung Bekanntheit war. Einen Bestseller kann und konnte auch eine Rezension im Feuilleton nicht garantieren. Dazu gehört Mund-zu-Mund-Propaganda, die einsetzt oder auch nicht. Voraussetzung ist ein sehr gutes Werk oder zumindest eines, das den Nerv eines breiten Publikums trifft. Und zunächst müssen wenigstens einige das Werk entdecken, die es dann weiterempfehlen. Damit das passiert, kann der Autor nun selbst für eine größtmögliche Sichtbarkeit sorgen.

      Die schlechte Nachricht: Ja, der Autor muss selbst im Marketing aktiv werden – ob er traditionell über einen Verlag veröffentlicht oder als Self-Publisher, ist dabei egal. Für viele Autoren oder Künstler klingt das zunächst beängstigend, denn die meisten Künstler sind introvertiert und keine geborenen Verkäufer. Aber so schlimm ist das gar nicht. Denn man kann ganz viel über die oben beschriebenen Kanäle bequem von zu Hause aus machen. Man muss also nicht Auge in Auge eine Werbeshow abziehen (die vermutlich eh keinen Erfolg hätte, weil die meisten inzwischen werbemüde sind). Menschen kaufen von Menschen, die sie kennen, die sie mögen und denen sie vertrauen. Um diese Voraussetzungen zu schaffen kann man zum Beispiel über social media netzwerken, Beziehungen aufbauen, Kontakte pflegen und sich einfach als der nette Mensch präsentieren, der man ist (Authentizität ist wichtig!). Und dann gehört einfach auch eine Portion Glück dazu.

      Im Grunde gab es nie eine bessere Zeit, Autor zu sein, als heute. Mehr Möglichkeiten, mehr Kontrolle, mehr direkte Kontakte. Um wirklich erfolgreich zu werden und eventuell ein signifikantes Einkommen aus dem Schreiben zu erzielen, muss man viel Zeit investieren. Zunächst ins Erlernen des Handwerks, dann in das Schreiben selbst (von den Tantiemen eines Buches kann fast niemand leben, alle erfolgreichen Schriftsteller sind sehr produktiv und haben viele Bücher am Markt) und schließlich ins Marketing. Das Romanschreiben ist sicher kein Weg, schnell reich zu werden. Aber wen zig Geschichten quälen, die erzählt werden wollen, wer nicht anders kann, als zu schreiben, der wird auf längere Sicht auch erfolgreich sein, sofern er nicht zu schnell aufgibt. Wenn du also zu dieser Sorte gehörst, dann lass dich von diesem Beitrag bitte nicht entmutigen!

      August 13, 2012
  2. Danke für den informativen Beitrag. Ich habe zwar keine persönlichen Erfahrungen mit Verlagen, verfolge aber sehr intensiv, wie AutorInnen von ihren Verlagserfahrungen und dem Self Publishing berichten. Das deckt sich vielfach mit deiner Zusammenfassung, die Unruhe ist überall zu spüren. Ich teile absolut deine Meinung, die du im Kommentar zeigst. Es braucht eine Zeit des Umdenkens bei den AutorInnen, aber das wird schon. Spätestens wenn der Kindle Weihnachten massenhaft unterm Baum liegt. Die Dienstleistungen werden sich vielleicht anders verteilen, neben dem Schreiben, das ja sehr zeitintensiv ist,kann auch nicht jeder die Werbung und seine Präsenz im Internet aus dem Ärmel schütteln. Müssen dann andere für sie tun, und das kostet dann auch wieder Geld. LG Henny

    August 15, 2012
    • Hallo Henny,
      danke für deinen Kommentar! Ja, ich bin auch ein Fan davon, manche Tätigkeiten an Profis auszulagern. So kann niemand, auch kein Bestsellerautor, der schon 30 Jahre im Geschäft ist, seine eigenen Texte lektorieren. Ich selbst beschäftige mich gern mit technischen Dingen, für wen das aber ein rotes Tuch ist, sollte die E-Book-Erstellung vielleicht auch besser auslagern. Und ein hochwertiges Cover bekommen Grafiker besser hin. Ich finde es wichtig, dass auch Self-Publisher darauf achten, ein Qualitätsprodukt auf den Markt zu bringen.
      Danke für deine Gedanken und beste Grüße
      Kerstin

      August 19, 2012
  3. anna #

    einer der schwierigsten Verlage, welcher Manuskripte gegen Kaution
    zu Büchern macht, ist der Persimplex Verlag.
    Mit €2.500.- kann man schon viel machen mit BoD usw.
    Unnötig einem solchen Verlag, welcher gar nichts tut, das Geld einfach abzudrücken.

    Februar 29, 2016
    • Dagmar Schelling #

      Hallo Anna, ich kann dem Kommentar nur zustimmen.
      Den Persimplex-Verlag habe ich verklagt, nachdem er sich 2 Jahre lang garnicht bewegt hat, und das für 2.500 Euro. Das Landes-Gericht Rostock wollte einen Vergleich, das habe ich abgelehnt. Es geht nun in die nächste Instanz. Der Verleger hat mein Buch gedruckt, ohne mich zu informieren, und er hat bereits bei Google für mein Buch geworben, auch ohne mich zu informieren, obwohl ich dem Verlag in 2015 gekündigt habe.
      Ein Vorab-Exemplar meines Buches, wie im Vertrag zugesichert, habe ich nie bekommen. Er meint, ich hätte alle Rechte an ihn
      abgetreten. Unfaßbar!!

      Juni 6, 2016
    • Peter Augustin #

      Hallo, habe beim Persimplex Verlag 2.500 € Kaution gezahlt, mein Buch wurde mehr oder weniger gut herausgebracht, bis heute weiß ich nicht wie viele verkauft wurden. Ab 300 Stück sollte die Kaution zurückgezahlt werden, doch ohne genaue Absatzzahlen stehe ich bis heute da. Werde wohl ebenfalls klagen müssen und kann nur vor dem Verlage warnen. Herrn Marsh geht es offenbar nur um die Kaution, sonst wurde der Vertrag nicht erfüllt.
      MfG Peter Augustin

      Dezember 25, 2017
  4. Franz Wolf #

    Welchen Beruf schwänzen sie?

    Die großen deutschen Publikums-Verlage wachsen, fusionieren, schlucken und verdauen einen Konkurrenten nach dem anderen. Was nach der Verdauung herauskommt? ‚Hochqualifizierte Literaturagenten‘ formen und verändern das Manuskript gleich zu Beginn – und Lektoren danach – solange, bis ein Roman dem anderen gleicht und jeglicher Individualismus zu Grabe getragen wird. Ihre Devise lautet: Masse statt Klasse, klangvolle Namen anstelle von Niveau.
    Es gab Zeiten, da war das genau umgekehrt. Da mühten sich die Editionen noch, die Quintessenz der deutschen Literatur zu suchen, deren Seele quasi, die deutsches Schrifttum repräsentiert.
    Siegfried Unseld vom Suhrkamp-Verlag behauptete gar:
    „Auf die Frage, wie in kürzester Form der Suhrkamp Verlag zu charakterisieren sei, antworte ich in der Regel: Hier werden keine Bücher publiziert, sondern Autoren!“
    Heute hingegen scheinen sich die Verlage in voller kommerzieller Absicht sogar von ihrer Muttersprache abzuwenden; besonders aber von jenen, die sich ihrer noch mit Eifer und Hingabe bedienen: Den deutschen Autoren.
    Die hier Angeprangerten sollten indes achtgeben, daß ihnen die eigene Sprache nicht gänzlich entgleitet und von anglistischer oder anderer Seite assimiliert wird. Scheuen sich doch bereits viele Deutsche regelrecht, sich in ihrer Muttersprache zu artikulieren. Die Rede sei nicht von den zahllosen ‚hochtalentierten‘ Schlagersängern, ausgewählt bei Superstar-Wettbewerben, die ihre deutsche Herkunft dadurch zu verleugnen suchen, indem sie ausschließlich englisch singen; vorzugsweise mit amerikanischem Akzent.
    Vielmehr trifft diese Klage all jene, die sich nicht mehr erinnern wollen, was sie einst in der Schule gelernt. Dort pflegte man z. B. noch DNS zu sagen, wenn von der Erbinformation die Rede war. Und alle wußten, was gemeint war. Alle! Deutsch allerdings war nur der letzte Buchstabe, das S, es steht für Säure. Und dieses eine deutsche Wort nun ist den meisten Medienschaffenden heute ein empfindlicher Dorn im allmählich erblindenden Auge, denn wo immer es auch geht, wird es ausgetauscht und durch das englische Wort acid ersetzt. Das bedeutet nichts anderes.
    Klingt aber erhaben, gebildet – vor allem aber undeutsch. Dessenungeachtet handelt es sich bei der Desoxyribonukleinsäure um ein einziges Wort, das abgekürzt ohne weiteres auch D lauten könnte.
    Um diesem einen Wort nun den Garaus zu machen, wird es verstümmelt, ihm das verpönte deutsche Anhängsel entrissen, zertreten und durch ein besseres, weil amerikanisches, ersetzt. Von Journalisten, die ihren eigenen Beruf zuweilen nicht richtig buchstabieren können – weil sie vergessen haben, daß er dem Journal entstammt – und sich zu Tschonnalisten umfunktionieren. Man nennt das cool. Sprachen sind einem natürlichen Wandel unterworfen, klar. Aber doch bitte nicht mit der Brechstange.
    Da stört offenbar auch nicht, daß alle, die dieses vom Duden initiierte Kürzel hierzulande im Zusammenhang mit der Erbinformation benutzen, es grundsätzlich falsch aussprechen. Auch unsere beliebten Nachrichten-Sprecherinnen und Sprecher. DNA, sprich: DI EN ÄI, wird von diesen Heuchlern flugs wieder eingedeutscht und – mit tatkräftiger Hilfe des ach so kompetenten Duden – in DE EN Aaa umgewandelt. Das signalisiert auf jeden Fall Sprachgewandtheit ohne Ende. Gleichviel ob im Rundfunk oder von den Spezialisten der ARD und des ZDF. DNAaa wohin man schaut und hört. Jeder plappert munter nach, was er vernommen, wovon er aber offenbar nicht das geringste versteht. Besonders beliebt ist die DNA-Analyse.
    A-A. Das klingt, deutsch ausgesprochen, ziemlich stark nach dadaistischen Äußerungen unumgänglicher kindlicher Verdauungsendphasen. Und darauf sind sie ganz versessen.
    Würde sich andererseits jemand erdreisten, und Cambridge mit deutscher Zunge formulieren, ein mitleidvolles Lächeln wäre ihm von jenen ansonsten so weltgewandten Nachplapperern gewiß, die eine korrekte Formulierung bei ihrer so geliebten DNAaa vermissen lassen. Oder gar Mallorca, welches von vielen, die im Urlaub regelmäßig ihres Gehörs verlustig gehen und die es unzählige Male besucht, noch immer mit drei L ausgesprochen wird. Mindestens.
    Der seriöse Teil in unserem Land spricht entweder englisch oder deutsch. Aber er vermischt diese beiden schönen Sprachen nicht zu einem Pidgin Deutsch. Das haben sie nicht verdient.
    Nur am Rande: Ähnlich verhält es sich beim Lieblingsthema der Journaille, beim Amoklauf. Wer wissen möchte, was Amok bedeutet, schlägt im Brockhaus nach, dort steht es richtig.
    ,Amok: Stark aggressiver Bewegungsdrang mit anschließender Amnesie, der beim Befallenen wutartige, wahllose Tötungsversuche auslösen kann.‘
    Ein quasi medizinischer Begriff und damit ein Fall für den Psychiater. Im Duden ist es leider wieder falsch beschrieben, wie könnte es anders sein. Und wer sich hernach prüft, wird erkennen: In Erfurt und Winnenden sowie in vielen anderen Städten der Erde haben keine dieser überaus seltenen Amokläufe stattgefunden. Sondern vorsätzliche Massaker und Massenmorde, die nichts mit einem Amoklauf zu tun haben. Das allerdings will formuliert sein, nicht euphemisiert.
    Oder nehmen wir das Evakuieren. E-vakuieren bedeutet = in ein Vakuum verwandeln, die Luft herauslassen. Das tut man im allgemeinen mit einer Luftmatratze oder im übertragenen Sinne mit einer Gegend oder einer Stadt bzw. mit einem Gebäude, die man von Menschen befreit. Die kann ich evakuieren. Oder eine Gummipuppe von Beate Uhse. Ich kann aber keine Menschen evakuieren, wie man es ständig bei ARD und ZDF und anderen maßgeblichen Sendern hören muß. Wer läßt denn schon aus Menschen die Luft heraus? Tschonnalisten.
    Aber zurück zu den deutschen Verlagen. Zwei Dinge darf man ihnen nicht vorwerfen:
    A – Sie versuchten einer Vermischung der englischen und deutschen Sprache entgegenzusteuern
    B – sie zeigten Interesse an deutschen Autoren. Im Gegenteil. Alles Amerikanische wird hierzulande aufgesogen, gleichviel ob es sich um Literatur, Musik oder um bewegte Bilder handelt. Allein, besser wird unsere Sprache dadurch nicht. Von der Kultur ganz zu schweigen.
    Die Übersetzer beider Medien müssen in der Schule an jenen Stellen gefehlt haben, als Artikel und Pronomina behandelt wurden, vor allem aber der bei uns weniger praktizierte Imperfekt. Daher hören sich – nicht nur ins Deutsche übersetzte! – Daily-Soap-Szenen gezwungenermaßen so an:
    „Ich wartete auf dich. Er fragte, warum du nicht kamst. Schliefst du schon? Warum riefst du nicht an?“ „Ich aß noch, bevor ich hinlief!“ Sa-gen-haft!
    Wer mag diese irregeleitete ‚Sprachkultur‘ ertragen? Scheinbar eine ganze Nation. Täglich. Freiwillig. Hierbei könnte man ohne Gewissensbisse Auszüge dieser Pseudo-Unterhaltungssendungen untereinander vermischen, es würde gar nicht auffallen.
    Bei soviel Sachkunde wird eines schnell klar: Satiriker und Kabarettisten wie Dieter Nuhr oder Volker Pispers können nur von einer Minderheit verstanden werden. Im Gegensatz zu Mario Barth… Das Interessanteste am Deutschen Fernsehen sind und bleiben in absehbarer Zeit weiterhin die bunten Programmhefte.
    Weiteres Beispiel für die Halb-Bildung deutscher Lektoren und Übersetzer: Aus dem neutralen female und girl, Weibchen und Mädchen, wird nach der Übersetzung ins Deutsche selbstredend und automatisch ein ‚Femininum’.
    „Nachdem das Weibchen zurück ist, säugt sie ihre Jungen.“ Oder „Das Männchen wittert, er hat etwas gehört!“ Zuweilen verschwimmen die Aussagen jener Profis sogar in einem Satz: „Das Weibchen bebrütet ihre Eier, danach geht es wieder auf Futtersuche.“
    Ein Konglomerat aus Inkompetenz und Gedankenlosigkeit, nichts weiter. Und niemandem fällt es auf. Oder man sollte besser sagen: Niemanden interessiert es mehr. Selbst Nachrichtensprecher formulieren voller Überzeugung Sätze wie: „Das Mädchen war bei ihrer Großmutter.“ Bei wessen Großmutter? Aufgeschrieben von einem Redakteur, einem Tschonnalisten gar, und kritiklos heruntergelesen von einem mündigen Sprecher und Verfechter der DNAAA- Analyse.
    Der Aufbau-Verlag, Berlin, publiziert ‚Die Päpstin‘ von Donna Woolfolk Cross, und der deutsche Übersetzer Wolfgang Neuhaus, ein Profi, ‚übersetzt‘ ohne Gewissensbisse: „Das Mädchen und ihr Bruder…“. Das nenne ich peinlich.
    Siegfried Lenz‘ Fundbüro quillt geradezu über von derartigen Pronomina-Verirrungen. Und Hoffmann & Campe, verantwortlich für diesen Schwachsinn, versteht das Problem nicht und schiebt – als Lizenznehmer – wieder mal alle Vorwürfe von sich.
    Weist man hingegen jene Verlage auf die Fehler hin, die ihre Lektoren oder Übersetzer tagtäglich begehen, erhält man in aller Regel keine Antwort. Wie trotzige Kinder verharren sie mit geballten Fäusten in Schweigen. Wie jemand, der genau weiß, daß er Mist gebaut hat. Eine Lektorin hatte einst sogar versucht zu erklären, ,,in bestimmten Fällen gibt es einen Wechsel des Genus, des grammatikalischen Geschlechts.“ Das ist zwar besser als trotziges Schweigen, aber völliger Unsinn. Zwar gibt es Substantive mit zwei Geschlechtern: Moment, der oder das, der oder das Zölibat usw. Aber einen Satz mit neutralem Substantiv zu beginnen und ihn mit einem weiblichen oder männlichen zu beenden, wie in: Das Weibchen bewacht seine Jungen, dann geht sie auf Jagd, grenzt schon an Schizophrenie.
    Vielleicht täten deutsche Lektoren – lector, lat.: Der Leser – gut daran, ab und an einen deutschen Autor auch wirklich zu l e s e n. Und nicht alle eingesandten Manuskripte unbeachtet in Bausch und Bogen zurückzuschicken mit den Worten: „Wir haben Ihr Skript ausführlich geprüft, leider paßt es nicht in unser Programm.“
    Selbst ihre E-Mail-Antworten erscheinen oftmals auf englisch: “Out of office“. Mit Anführungszeichen “oben“, wie sich das für die deutsche Sprache gehört. Meist werden die Mails ohnehin nicht gelesen, sondern per Knopfdruck stereotyp beantwortet:
    Beweis:
    „Sehr geehrte Damen und Herren, ich habe zwei Romane verfaßt, die den Genres ‚Thriller‘ und ‚Fantasy‘ zuzuordnen sind. …Handlung… An welche Abteilung darf ich die Manuskripte senden?“
    Antwort Verlag:
    „Bitte haben Sie Verständnis dafür, daß wir momentan aufgrund vieler Manuskripte eine Prüfungszeit von ca. 3 Monaten benötigen.“
    Zuweilen drängt sich die Vermutung auf, die können oder wollen gar nicht lesen.
    Fakt ist, daß z.B. Suhrkamp auf seinen Internetseiten explizit wirbt: Schicken Sie uns Ihr Manuskript zu mit Exposé usw. damit wir es prüfen. Wochen später erhält der deutsche Autor ein Schreiben, das beinhaltet: „Suhrkamp hat Ihr Manuskript ausgiebig geprüft, leider paßt es nicht in unser Konzept.“ Das Korpus delicti hingegen ist noch ebenso rundum mit Tesafilmstreifen versiegelt, wie es der Autor abgeschickt hat … Es wurde nie angesehen! Wahrscheinlich, weil es ohnehin nicht ins Programm passen konnte. Oder weil die Lektoren nicht lesen können? Oder wollen. Dieses Beispiel demonstriert wie kein zweites das geballte Desinteresse deutscher Publikumsverlage und Literatur-Agenten an deutschen Autoren.
    Wenn die Schriften nicht ausschließlich auf Normseiten geschrieben wurden, beachtet sie ohnedies niemand. Normseiten hinten und vorne, alles andere interessiert nicht. Denn erst auf Normseiten ist wahre Literatur zu erkennen. Schriftsteller wie Gordon, Grass, Böll, Pasternak oder Heinrich Mann haben nur auf Normseiten publiziert, alles andere fällt unter die Rubrik: Anti-Literatur. In den Augen mancher deutscher Verlage.
    Selbst Taschenbücher, alles Normseiten. Taschenbuch-Normseiten. Nun, wir waren nicht dabei, aber wahrscheinlich wurden seinerzeit die Zehn Gebote am Horeb auch auf Normseiten in Stein gebrannt.
    Es ist richtig, daß ein Buch, bevor es auf den Markt kommt, gründlich lektoriert und vor allem redigiert werden muß. Wenn nötig. Dennoch lesen sich manche Bestseller wie Schulaufsätze von 12-jährigen oder wie Drehbücher: „Er steht auf. Er geht ein Stück. Er bleibt stehen. Er geht wieder zurück. Er setzt sich.“ Usw. Von Literatur keine Spur. Trotzdem weigern sich deutsche Verlage hartnäckig, deutsche Autoren auch nur anzusehen. Sie brauchen sich nicht zu wundern, wenn der deutsche Autor sich bei Amazon selbst vermarktet.
    Nun, wir kennen die Programme der Verlage. Mit Sicherheit war das Skript zu deutsch. Vielleicht heißt der Autor auch noch Schmidt, Müller oder Meier. Gräßlich die Vorstellung. Diese Abneigung von seiten der Verlage, diese Deutsch-Phobie ist erklärbar, erhält man im Buchhandel doch in der Tat fast nur noch ausländische Belletristik-Lektüre, vorzugsweise US-amerikanische, von Übersetzern nach bestem Wissen ins Deutsche übertragen; mit allen damit verbundenen Risiken.
    Warum nur schicken die deutschen Verlage nicht an jeden Haushalt eine prophylaktische Absage: „Bitte senden Sie uns keine deutsche Literatur zu, sie paßt nicht in unser Konzept.“
    Das würde deutschen Autoren viel Zeit und Geld sparen, und es ist für unsereins mit Sicherheit wahrscheinlicher, einen hohen Lottogewinn zu erzielen, als von einem deutschen Publikums- Verlagslektor gelesen zu werden.
    Vielleicht aber ist das Problem auch darin zu finden, daß die Lektorate heutzutage fast ausschließlich mit Leuten der Play-Station-Generation besetzt sind, von Menschen also, denen Literatur weniger bedeutet als noch deren Vorgängern.
    Gerade weil die Editionen ihre Propheten im eigenen Lande sträflich mißachten, erhält der Leser bei uns eine Kost, die mit dem Wort eintönig nur unzulänglich und äußerst euphemistisch charakterisiert wäre. Bei Krimis oder Thrillern hat der Protagonist in aller Regel vor kurzem erst seine Frau verloren oder ein Kind, ist trockener Alkoholiker oder hat ein Verhältnis mit einer Kollegin und muß eine Entführung aufklären. Insofern füllen seine eigenen ‚Probleme‘ zuweilen 50% des gesamten Buches – oder mehr. Es lebe die Nebenhandlungsliteratur, wie wir sie von Schätzung kennen. Oder von King, dessen 1400 seitiges Buch ,ES‘ locker auf 200 Seiten reduziert werden könnte, und dadurch endlich Spannung gewänne!
    Wir erhalten Serien im Bild und auf Papier, nichts weiter. Serien aber sind Sollprodukte, Termingeschäfte, die, unabhängig von jeglicher Phantasie und Kreativität, fertiggestellt werden müssen. Und das merkt man. Gott sei Dank.
    Zitate wie: Der amerikanische Schriftsteller (…) bringt im Herbst sein neues Buch heraus, er beginnt dieser Tage mit dem Schreiben, zeigen, wie Literatur vermarktet wird. Es sollen Autoren schon Bestseller geschrieben haben, bevor ein Exemplar davon verkauft wurde.
    Schreiben Sie mal ein Buch und schicken Sie es unter dem Namen Meyer an einen deutschen Publikums-Verlag. Oder besser: An mehrere Verlage! Sie werden die gleichen Erfahrungen machen. Schreiben Sie danach ein Drehbuch. Sie finden keinen Kompetenten, der es liest. Sie werden sich fühlen wie ein hoffnungsfroher Maler, der auf seiner Vernissage ausschließlich Besucher trifft, die mit hochgeschlagenem Kragen und gesenkten Hauptes durch die Ausstellung huschen, um sie ostentativ keines Blickes zu würdigen. Oder wie ein Musiker, der eifrig komponiert hat, nur um festzustellen, er ist von Menschen umringt, die vorgeben gehörlos zu sein. Deutsche Autoren versuchen an Häuser zu klopfen, die keine Türen besitzen. Die Arroganz der Verlagsmitarbeiter ist in diesen Fällen die Schwester der Dummheit, die Ignoranz deren Schwiegermutter. Welchen Beruf schwänzen sie?
    Zuweilen möchte man Buchlektoren oder gar Literaturkritiker vergleichen mit Restaurant-Testern. Letztere sitzen auf ihren breiten Ärschen, lassen andere die Arbeit verrichten – eine Arbeit, die ihr eigenes Dasein erst rechtfertigen sollte – loben jenen über den Grünen Klee, den anderen strafen sie mit Verachtung, entreißen ihm gar einen Stern. Nur weil ihnen eventuell ein Gewürz mißfällt. Was nicht zwangsläufig bedeuten muß, daß sie selber einen begnadeten Gaumen ihr eigen nennen.
    Aber nicht nur kochen, auch Literatur hat viel mit Geschmack zu tun, und vielen Nachwuchsautoren wird der Zutritt zum ,Literaturhimmel‘ von Lektoren schlicht verwehrt – unbesehen. Ohne daß sie ‚gekostet‘ hätten. Im Gegenzug werden Arbeiten, die bereits veröffentlicht sind, von Kritikern, die von Verlagen gesponsert werden, entweder gelobt, von anderen verrissen oder mit dem Attribut ‚indifferent‘ versehen. All dies kommt zu spät; denn dann liegt das Kind bereits im Brunnen bzw. im Handel.
    Viele Lektoren und Agenten – für deren Berufswahl es übrigens keinerlei Qualifikation bedarf, jede Sekretärin, jeder Kaufmann kann ohne irgendeinen Fähigkeitsnachweis Lektor oder Literaturagent werden – verhalten sich wie Diamantsucher, die Rohdiamanten ohne genaue Prüfung einfach liegenlassen oder wegwerfen. Weil sie nicht imstande sind zu erkennen, welcher Wert sich im Inneren befindet. Die meisten interessiert es ohnehin nicht, sie suchen ausschließlich nach dem fertig geschliffenen Groß-Mogul. Na, denn viel Glück! Die Buchläden und Bibliotheken quellen über davon. Oder etwa nicht?
    Und Literatur-Kritiker wie Christine Westermann befassen sich viel zu häufig mit psychologischen, autobiographisch angehauchten Schriften, die nur eine Minderheit interessieren können. Siehe auch ‚Das Literarische Quartett!‘
    Darüber hinaus gibt es Lektoren und Kritiker, die eine ausgesprochene Adjektiv-Phobie entwickelt haben. Nun malen aber Autoren Geschichten mit Wörtern, sie zeichnen damit Begebenheiten auf. Und dafür stehen ihnen nicht wie van Gogh mehrere Millionen Farbnuancen zur Verfügung, sondern lediglich 26 Buchstaben, zuzüglich der Umlaute. Und Literatur hat in der Tat viel gemein mit der Malerei. Farben benutzen kann jeder, der einen Pinsel halten kann. Sogar Elefanten und Schimpansen tun das. Es besteht jedoch ein gewaltiger Unterschied zwischen malen und anstreichen. Beim Anstreichen benutzt man im allgemeinen eine oder sehr wenige Farben. Das Ergebnis ist absehbar. Häuser sind weiß oder besitzen vergleichbare helle Farben. Uniformierung! Sie erhalten ihr Aussehen von Anstreichern.
    Ein Maler hingegen benutzt tausende verschiedene Farbnuancen, wie auch der Autor vergleichsweise hunderte verschiedene Adjektive verwendet. Das unterscheidet die Autoren voneinander. Die einen bringen Information, der Zeitung vergleichbar. Andere wenige erzählen Geschichten, in denen sich der Leser verliert. In denen er das Buch kaum aus der Hand legen will. Sie malen mit Worten. Ergo sind Adjektive unabdingbar. Sie sind die Gewürze der Literatur. Jene ignoranten Adjektiv-Verachter hingegen entreißen einem Maler seine Farben. Die daraus hervorgehenden Bilder kennt man. Alle Einheitsweiß. Unsere Sprache ist so vielfältig, so reich, warum sie auf einige wenige, den Kritikern genehmen Wörter reduzieren?
    Köche und Autoren müssen nun das mit Gewalt erdrosselte (Kein Adjektiv-) Geschmacksempfinden jener Klientel ausbaden. Das zehrt an den Nerven, und – hoffentlich gehen nicht auch sie durch Selbstverstümmelung ihrer Ohren verlustig.
    Es stimmt nachdenklich und traurig zugleich, daß deutsche Publikums-Verlage kein bißchen neugierig sind auf unsere Arbeiten, unsere Gedanken. Ähnlich wie im deutschen Fernsehen, wo immer wieder dieselben Gesichter auftauchen, ein eingeschworenes Team bilden, die Türen zuhalten und niemand anderen teilhaben lassen am zweifelhaften Erfolg, so bekommt der Leser in unseren Breiten auch nur Einheitskost von immer denselben Autoren aufgetischt. Sind wir denn weniger interessant oder schlechter als irgendwelche Dan Browns, Ken Folletts oder Stephen Kings? Nicht jeder publizierte King ist lesenswert, schon gar nicht jeder Brown. Noch nicht einmal jeder Irving.
    Wie sehr unterscheidet sich dagegen ein Autor, der sich noch nicht derart prostituiert, der, inspiriert von einer Idee, mit dem Schreiben beginnt und nicht einmal zu ahnen wagt, wie die Geschichte enden wird. Der mehrere Monde seine Kreativität der Routine jener entgegenstellt, die aus Gründen des Kommerz schreiben müssen; gleichgültig was. Der sein ‚fertiges’ Werk selbst lektoriert, korrigiert, wieder und wieder. Der es in eine professionelle Form bringt. Der es Bekannten, Kollegen und Freunden zu lesen gibt. Sich bei positivem Echo endlich entschließt, es einem oder mehreren Publikums-Verlagen anzubieten. Und im Anschluß Monate damit verbringt zu warten.
    Nun schweigen Telefone für den Wartenden bekanntlich besonders intensiv. Schließlich reißt er sich zusammen und bittet eine Literaturagentur – ohne die ja nach deren eigenen Worten sowieso nichts geht – sich seiner anzunehmen.
    Wieder heißt es warten. Während die meisten sogenannten Literaturagenten es den Verlagen gleichtun und sich in beredtes Schweigen hüllen, sind die anderen wenigen völlig überlastet, was sie durch geschäftiges Desinteresse zum Ausdruck bringen. Und mit Hilfe ihrer omnipräsenten Internetseiten unterstreichen: „Schicken Sie Ihr Manuskript an unsere Agentur, wir prüfen es!“ Daß sie gar keine Manuskripte lesen, erfährt man erst später.
    Einmal aber hat der deutsche Autor Erfolg! Tatsächlich will ein Agent ihn unbedingt vertreten, gegen eine entsprechende Beteiligung. Der Autor wird aufatmen. Bis er den Vertrag liest.
    Dort steht nämlich: „Da wir nur lektorierte Arbeiten vermitteln, ist es vonnöten, Ihr Werk einem Lektor zur Durchsicht zu geben.“ Was mit einer geringen Gebühr von lächerlichen € 12 000.- zu Buche schlägt. (Lindberg & Well, Aufenthalt derzeit unbekannt). Oder etwas billiger bei Friedrich Wilhelm von Werneke, Berlin, € 4000.-. Nennen wir doch mal eben Roß und Reiter. Denn diese Namen sind leider weder frei erfunden noch im Metier unbeschriebene Blätter – auch sind es nicht die einzigen. Dabei entgeht jenen Abzock-Profis selbstredend, daß sie bereits lektorierte Arbeiten in Händen halten. Das Lektorieren beträgt für gewöhnlich ca.
    € 800.-.
    Vielleicht reagiert auch eine berühmte Literaturagentur, z. B. Lars Schultze/Kossack. Frau Kossack liest das Manuskript, verschlingt es nach eigenen Worten geradezu, schreibt hernach von brillanter Lektüre, von ‚mit dem Lesen gar nicht mehr aufhören wollen‘, von Pageturner usw. Will unbedingt die Literaturagentin werden. Unbedingt! Der Autor atmet durch: Endlich!
    Im Anschluß läßt sie monatelang nichts mehr von sich hören. (Das sind exakt die Agenten, die man braucht). Auf die bescheidene Anfrage von seiten des Autors, was denn nun sei mit der Vertretung, erfährt jener: Tja, sie habe es ihrer Schwester vorgelegt, der hätte es gar nicht gefallen und sie selber wolle nun auch nicht mehr … Welchen Beruf schwänzt sie? Oder läßt sie gleich ihre Schwester schwänzen, wie sie ohnehin stets andere arbeiten läßt?
    Oder man trifft jene Agenten/innen die ebenfalls begeistert sind von der Lektüre, allerdings müsse man ein paar kleine Änderungen vornehmen: Die Namen seien nicht gut gewählt. Ändern müsse man auch die Örtlichkeiten, natürlich den gesamten Plot und zudem jeden zweiten Satz. Ansonsten sei das Manuskript hervorragend…
    Sollte der Autor auf diesen Schwachsinn reagieren und das Manuskript ändern, zeigen sie kein Interesse mehr. Denn diese Literaturagenten wollen mit Macht nur eines: Ihre eigenen Duftmarken hinterlassen, und zwar in jedem Manuskript, das ihnen in die Hände fällt. Die Frage, warum sie denn keine eigenen Romane oder Satiren verfassen, wenn sie sich doch so talentiert geben, erübrigt sich: Weil sie es nicht können und aus allen ihrer Sätze der blanke Neid hervorquillt! Wie bei jenem Patentamt-Mitarbeiter, der nach jedem erteilten Patent stundenlang verzweifelt im Kreis lief, die Worte murmelnd: „Warum ist mir das nicht eingefallen? Warum ist mir das nicht eingefallen? Warum ist mir das nicht eingefallen?“
    Im Ergebnis bedeutet das, der Autor wird zunächst desavouiert. Wie etwa ein Schüler, dessen Zeugnis ausschließlich Einsen und Zweien aufweist und der vom Vater hören muß: „Es könnte besser sein!“ D.h. der Autor wird immer kleingemacht, um die eigene literarische Bedeutungslosigkeit zu kaschieren.
    Meldet sich tatsächlich ein Verlag, der das Manuskript in den höchsten Tönen lobt, es gar sogleich veröffentlichen will, dann handelt es sich – mit Sicherheit – um einen jener zahllosen Zuschußverlage, die alles und jeden drucken und bei denen der Autor schließlich für mehrere tausend Euro einige hundert Exemplare ,verlegen’ läßt. Deutsche Literaturgesellschaft/Berlin, Novum-Verlag, Buchverlag Stangl, R.G. Fischer oder Goethe-Verlag Frankfurt sind gute Beispiele. Der Cornelia-Goethe Verlag besitzt mehrere Namen, jedoch handelt es sich immer um denselben im Frankfurter Hirschgraben.
    Und Zuschußverlag wäre ebenfalls die inkorrekte Bezeichnung für eine Druckerei – denn um nichts anderes handelt es sich – weil der Autor nicht zuschießt. Er trägt die gesamten Kosten. Damit seine Bücher anschließend im Keller vielbeachtet vor sich hin schimmeln. Um es kurz zu machen: Verkauft oder beworben wird von diesen ‚Druckerei-Verlagen‘ kein einziges.
    Ebenso Pseudo-Verlage wie der Kater-‚Verlag‘/Viersen, der für seine Anthologien seinen Autoren vollmundig folgendes verspricht:
    „Es fallen keinerlei Druck – oder Veröffentlichungskosten an! Allerdings verpflichtet sich der Autor, pro gedruckte Buchseite!! zwei Exemplare zum regulären Ladenverkaufspreis von 16,80 € abzunehmen.“ (Buchgröße 14,8 x 21 oder 13,5 x 21,5 cm)
    Je kleiner das Format, desto mehr Seiten … Jeder vermag sich selber auszurechnen, wie viele Bücher ein Autor kaufen muß, sollte ihn das Unglück ereilen, auf diese Abzocker hereinzufallen und in der Anthologie 50 von ihm stammende und gedruckte Seiten zu finden. Er weiß schon jetzt nicht, was er damit anfangen sollte. Denn um damit im eigenen Bücherregal Eindruck zu schinden, sind es eindeutig ein paar zu viele. Das bedeutet aber auch: Wenn er gut ist und schreiben kann, wird er oft gedruckt und muß am Ende seine eigenen Arbeiten teuer zurückkaufen.
    Insofern unterscheidet sich der Kater ‚Verlag‘, (Auch er steht in Anführungszeichen) in keiner Weise von den sogenannten Zuschußverlagen. Im Gegenteil, der Kater ‚Verlag‘ ist ein Faß ohne Boden. Kaum anders verhält es sich mit dem net-Verlag.de.
    Obwohl hier ein klarer Wettbewerbsverstoß vorliegt, zeigen Gewerkschaften wie Verdi soviel Interesse daran wie ein Ochse am Melkeimer oder deutsche Verlage an deutschen Schriftstellern; ebenso die IHK oder andere ‚maßgebliche Institutionen‘.
    Bleiben noch die Schreibwettbewerbe im Internet und die dazugehörigen Online-Verlage. Einige von ihnen werben mit Wettbewerben, in deren Rahmen der Autor sein Werk kostenlos einstellen und zum Verkauf anbieten kann. Der Verkaufspreis liegt in aller Regel bei annähernd € 20.-, plus MwSt., weil die Druckkosten angeblich schon € 16.- verschlingen. Dabei bieten seriöse Druckereien schon für weniger als die Hälfte mindestens dieselbe Qualität an. Wer kauft schon das Buch eines Autors, den er nicht kennt, für € 20.-.
    Ein parallellaufender Wettbewerb suggeriert den Autoren: Das beste Buch gewinnt einen Verlags-Vertrag o. Ä. Im Hintergrund dieser Aktionen steht der – leider oft erfolgreiche – Versuch, an die Eitelkeit der Autoren zu appellieren, sich ihre eigenen Bücher zu kaufen. Weiter nichts. Auch auf die im Wettbewerb am häufigsten angeklickten Werke ist kein Verlaß: Da jeder Autor seine eigenen Arbeiten unzählige Male anklicken kann, ist eine Aussage darüber wertlos. Dahinter steht nicht selten eine jener Druckereien, die sich als Bezahlverlage tarnen. Aber auch Editionen wie Holtzbrinck spannen sich selbst vor diesen schmutzigen Karren. Kritiklos. Deutsche Publikums-Verlage kränkeln, Eichborn ist bereits insolvent. Das Porto der vielen Absagen ungelesener Manuskripte hat diesem Verlag wohl das Genick gebrochen. Er hätte besser ein paar Zusagen versandt.
    Online Verlage wie Tredition, Epubli oder Peo schaffen es doch tatsächlich trotz gegenteiliger Versprechungen, ein durchaus gutes Buch innerhalb von zwei Jahren nicht ein einziges Mal zu verkaufen. Das grenzt an Mutwille.
    Auffällig ist, daß eine Vielzahl der sogenannten Verlage, die sich im Internet schamlos als solche präsentieren, weder Verlage noch Druckereien sind, sondern schlicht Buchhandlungen. Was man allerdings erst bei einer Kontaktaufnahme erfährt.
    Bei so viel Erfolg, Fairneß und Betrugsabsichten drängt sich eine Fortsetzung der eigenen schriftstellerischen Arbeit geradezu auf. Und nach wenigen Jahren liegen einige Unveröffentlichte – nicht Unvollendete – im untersten Fach der Autorenschreibtische. Man spricht daher in diesem Zusammenhang gerne von sogenannter Fach-Literatur.
    Und in den Buchläden stapeln sich literarische Leckerbissen der Belletristik von ‚Anstreichern‘ wie Dan Brown, Ken Follett, Rosamunde Pilcher. Oder von Charlotte Roche, deren einzige Verwandtschaft zur Weltliteratur eines Mark Twain, eines Erich Emil Kästner oder eines Noah Gordon nur darin zu finden ist, daß sie dieselben Buchstaben verwendet.
    Vielleicht aber sind oben Genannte auch deshalb so erfolgreich – was die Verkaufszahlen betrifft – weil sie in ihren Werken ständig abschweifen, anstatt dem sich selbst auferlegten Faden zu folgen. Weil sie eine solche Fülle von Nebensächlichkeiten einbauen, daß der Leser ständig abgelenkt wird. Wie beim Fernsehen.
    Wenn allerdings ein Buch mit tausend Seiten auf den Markt kommt, das fast ausschließlich aus Nebenhandlungen und Nebensächlichkeiten besteht, wie es oft zu sehen ist, und dessen Erzählstrang auf hundertfünfzig Seiten ausführlich beschrieben werden könnte, braucht sich niemand mehr zu wundern über das schwindende Interesse an Serienautoren.
    Franz Wolf
    alias
    Francesco Lupo
    Lars Andersson

    November 28, 2016

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